Samstag, 8. Dezember 2012

# 17

es ist komisch, wie sehr sich jemand, den wir geliebt und gut gekannt haben, von uns entfernen kann. die zeit vergeht, eine menge dinge passieren und auf einmal blickst du in völlig fremde augen. ich kann das nicht verstehen. wie passiert so etwas? ich erinnere mich, dass ich mal mein vater gefragt habe, wie ich gemacht worden bin. er antwortete, "aus liebe." damals war ich noch im kindergarten und ich hab ihm geglaubt; es war auch so einfach. meine eltern haben eine gute ehe geführt, sie haben sich immer geliebt, wenig gestritten und waren einander immer nah. wenn papa und mama mich gemacht hatten und sich so sehr liebten, dann lag es wohl auf der hand, dass ich aus liebe gemacht war. trotzdem hoffe ich, dass wenn dana da ist, mir nie die frage stellen wird. denn wenn ich dasselbe antworte wie mein vater nämlich dass sie aus liebe gemacht ist, dann kann sie mir unmöglich glauben. zumindest nicht, wenn das mit lisa und mir so weitergeht. eigentlich streiten wir nur noch. meistens macht sie mir irgendwelche bescheuerten vorwürfe, ich würde immer zu spät kommen, ich hätte andere dinge im kopf, ich wäre verantwortungslos, weil ich immer noch rauche, und, und, und. wir schreien uns an und wir knallen türen und wir legen einfach den hörer auf, und ich bete inständig, dass dana sowas niemals mitbekommt. ich weiß noch, dass es für mich damals wichtig war, aus liebe gemacht worden zu sein, weil mein vater mir erklärt hatte, liebe hätte etwas mit allen dingen zu tun, die ich mag. außerdem weiß ich noch sehr genau, wie eingeschüchtert wir alle damals immer bei joschka saßen, als sein vater noch bei ihnen war. und während wir im zimmer versucht haben zu spielen, hat er joschkas mutter angeschrien. ich will nicht, dass dana so aufwächst. ich will, dass sie sich bei ihren eltern immer am sichersten fühlt, dass sie sich dinge von uns abschaut und dass sie weiß, dass wir sie lieben, auch wenn wir nicht zusammen leben. manchmal komme ich mir so selbstsüchtig vor, weil wir ihr ein glückliches familienleben verweigern. sie wird niemals geschwister haben, sie wird niemals das hochzeitsfoto ihrer eltern betrachten oder sich eine rede für unsere silberhochzeit ausdenken müssen. sie wird irgendwann begreifen, was wirklich los war, dass wir sie eigentlich nicht wollten, dass wir viel zu jung und viel zu unerfahren sind, dass andere kinder es besser haben. es ist nicht fair, dass wir ihr nicht das geben, was man uns all die jahre gegeben hat. dass wir uns nicht mal zusammenreißen und vernünftig miteinander reden können. manchmal frage ich mich, ob das alles ein fehler war. ob wir nicht tatsächlich zu jung und zu verantwortungslos sind, so wie die leute es immer sagen.