Mittwoch, 5. Dezember 2012
# 16
es ist lange her, so lange her, dass wir so nebeneinander saßen, ohne vorwürfe und ohne tränen, ohne einen bestimmten grund für unser treffen. früher haben wir das oft gemacht. wir haben über alles mögliche geredet, über ihn, über mich, über uns, über die vergangenheit und die zukunft und manchmal auch über die gegenwart. deswegen liebe ich lisa auch so, sie macht mich ganz, ohne dass sie dafür irgendwas tun muss. wir sitzen nebeneinander in der eishalle und lassen die schlittschuhe baumeln. wir reden nicht über ihren freund marvin oder über die klinik und auch nicht über papa, über irgendwelche psychischen krankheiten. wir reden über dies und das. "wir haben noch keinen namen.", bemerkt lisa irgendwann. "du musst einen aussuchen, das war der deal." ich starre auf den asphalt. "du nimmst jeden namen?", will ich wissen. "solange es nicht gerade irgendwas wie adelheid wird...", scherzt sie. ich grinse. "nein, ganz sicher nicht. ich habe am eigenen leid erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man wegen seinem namen aufgezogen wird, das werde ich meinem eigenen kind wohl kaum antun." "mit 'dino' hast du die sache doch gut gelöst." sie streicht sich eine strähne ihres blonden haares zurück. ich hoffe inständig, dass das kind auch diese haare bekommt. und ihre augen. am besten sollte sie ganz wie lisa aussehen, so schön. "hast du dir schon was überlegt?" "ich habe mir was überlegt...", sage ich zögernd. sie sieht mich erwartungsvoll an. "und?" "ich dachte an dana." meine stimme ist leise und ich sehe sie nicht an. lisa schweigt. "ich hab die bedeutung nachgesehen.", werfe ich hastig ein. "es waren ziemlich viele da. im kurdischen heißt es die erste, was ziemlich passend ist, weil sie ja die erste ist." und höchstwahrscheinlich auch die einzige. "ist mir egal, was es heißt." "ist dir egal?" "ich weiß doch, warum ausgerechnet dana.", erklärt sie und sieht mich kurz an. und jetzt verläuft das thema doch in diese richtung. aber das ist nicht so schlimm, weil lisa nicht irgendwelche fragen stellt. stattdessen lächelt sie. "weißt du, was meine mama mir mal erzählt hat?", fängt sie an. "sie hat gesagt, wenn ein mensch verstirbt, dann wird ein neuer geboren, weil ein platz für ihn frei geworden ist." ich schlucke. ich will papa oder meine tante nicht ersetzen. ich kann es auch nicht. "das soll nicht heißen, dass sie den platz deinem vater einnehmen soll. es soll nur heißen, dass du sie jetzt noch mehr lieben kannst, weil sie irgendwie von da oben kommt, weil sie ein stück von dir und damit von deinem vater ist, was man dir wiedergegeben hat.", sagt lisa leise und auf einmal liegt ihr kopf an meiner schulter. "gott, ich sollte keine poetikerin werden..." ich sage nichts, weil ich irgendwie ergriffen bin. stattdessen lege ich meinen arm um den menschen neben mir, der mir von allen auf der welt immer noch am meisten bedeutet. der einzige, für den ich mich ändern würde, wenn es unsere freundschaft, unsere gefühle retten könnte. "ich wünschte, er könnte ihn sehen." ich lächele schwach, dann vergrabe ich mein gesicht an ihrem hals und weine doch, weil ich mir das selbe wünsche.